Die Box
Die Box (mit dem Untertitel Dunkelkammergeschichten) ist ein 2008 erschienener Roman von Günter Grass, der in teils wirklichkeitsgetreuen, teils fingierten Aussagen seiner Kinder Grass‘ Vaterrolle und Familiengeschichte seit den 1960er Jahren zum Gegenstand hat. Erzählmedium ist die titelgebende Agfa-Box von Maria Rama, der langjährigen Fotografin der Familie sowie Betreuerin von Grass‘ Fotoarchiv. Die Box ist der zweite Band von Grass‘ Trilogie der Erinnerungen (Teil 1: Beim Häuten der Zwiebel; Teil 3: Grimms Wörter).
Gestaltungsmerkmale
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Es ist ein ungewöhnliches Arrangement, das Grass getroffen hat, um sein Tun und Lassen nach dem Erscheinen der Blechtrommel autobiographisch aufzubereiten: Seine sechs leiblichen Kinder und die von Ute Grunert mitgebrachten Söhne, die Grass als ihm ebenfalls angehörig einbezieht, werden an deren unterschiedlichen Wohnorten zusammengebracht, um ihre Erinnerungen an Vater und Familie vor Mikrofon und Aufnahmegerät auszutauschen. Die Namen der Kinder – alle unterdessen berufstätige Erwachsene – sind gegenüber deren tatsächlichen Vornamen abgewandelt, bei den fünf Männern stärker als bei den drei Frauen. Darstellungsmittel in diesem Werk sind vorwiegend Gesprächszitate aus den angeblichen Aufnahmeprotokollen, teils in Dialogen, teils in längeren Einzelreferaten. Darüber hinaus gibt es von Grass in Erzählermanier eingeflochtene Kommentare und Schilderungen, darunter zu Anfang der einzelnen Treffen Hinweise auf die jeweiligen Wohnverhältnisse und die Verköstigung bei Tisch.
Bei den ersten Treffen sind hauptsächlich die ältesten Grass-Kinder zu ihren Erinnerungen gefragt, das heißt (mit ihren abgewandelten Namen) die Zwillinge Patrick (genannt Pat) und Georg (Jorsch), die Tochter Lara und – ebenfalls noch für die Verhältnisse der Grass-Familie am Wohnort Berlin-Friedenau – der Sohn Thaddäus (Taddel). Die Töchter Lena und Nana stammen aus Grass‘ Zeit in Wewelsfleth, ebenso Ute Grunerts einbezogene Söhne Jasper und Paul. Neun Kapitelüberschriften gliedern den Roman. Gewidmet ist er Maria Rama, der Witwe von Hans Rama, von der es als „Knipsmariechen“ heißt, sie erzeuge mit den in der Dunkelkammer, also im Fotolabor entwickelten Schnappschüssen mitunter über Zeit und Wirklichkeit hinausführende Bildeindrücke.
Gründe für ein solch spezielles Erinnerungsarrangement hatte Grass bereits 2003 dem Spiegel gegenüber angedeutet: „Ich habe ein ziemliches Misstrauen gegenüber Autobiografien. Wenn ich eine Möglichkeit sähe, mich gewissermaßen in Variationen zu erzählen – das wäre vielleicht reizvoll. Aber eigentlich mag ich Autobiografisches in der verschlüsselten Form der Fiktion lieber.“[1]
Inhaltliche Akzente
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Der Auftakt des ersten Kapitels („Übriggeblieben“) lautet: „Es war einmal ein Vater, der rief, weil alt geworden, seine Söhne und Töchter zusammen – vier, fünf, sechs, acht an der Zahl –, bis sie sich nach längerem Zögern seinem Wunsch fügten.“ (S. 7)[2] Das beginne nicht nur wie ein Märchen, heißt es bei Günther Rüther, sondern mute auch teilweise so an. Auch Märchen basierten auf mündlichen Überlieferungen. Sie wüssten von wundersamen Geschichten zu erzählen, oft mit einem wahren Kern und surrealem Hintergrund.[3] Aus der Sicht von Dieter Stolz legt Grass somit gleich die Karten offen auf den Tisch: Trotz professioneller Tontechnik beim Aufzeichnen der Äußerungen seiner Kinder würden diese mitnichten authentisch wiedergegeben. Die Gespräche und deren Ausgestaltung unterlägen seiner Regie.[4]
Im zweiten Kapitel („Ohne Blitzlicht“) kommen unter anderem bestimmte Begleiterscheinungen bei der Entstehung von Grass-Werken zur Sprache, so die von Maria Ramas Box aus einer verlassenen Wohnung im Grunewald mit Vogelbauer, Kanarienvögeln und einer schlafenden Katze aufgenommenen Dunkelbilder, die Grass in seinem Atelier aufgehängt hatte, um sich davon für Katz und Maus inspirieren zu lassen. „Uns jedenfalls wurde, wenn überhaupt, dann nur langsam klar, daß er die Fotos brauchte, um sich, was früher war, genau vorstellen zu können. Ist nun mal so mit unserem Väterchen: lebt rein vergangenheitsmäßig, immer noch. Kommt davon nicht los. Muß immer noch mal… Und die alte Marie hat ihm dabei geholfen mit ihrer Wunderbox…“ (S. 41)
Unter der Überschrift des dritten Kapitels („Wundermäßig“) wird berichtet, dass alle vier ersten Grass-Kinder katholisch getauft wurden, auch wenn ihr Vater an nichts geglaubt habe. Mit Geschichten aus der Bibel aber habe er häufig aufgewartet: „Mit der Geschichte von Esaus Erstgeburt und dem Linsengericht ist er uns, nehm mal an, weil wir Zwillinge sind, die sich dauernd gekabbelt haben, bestimmt hundertmal gekommen, jedenfalls immer dann, wenn er sein Lieblingsgericht, nämlich Linseneintopf kochte.“ (S. 53)
Als im vierten Kapitel („Kuddelmuddel“) der fortschreitende Entfremdungsprozess zwischen Anna und Günter Grass sowie dessen diverse Frauenbeziehungen samt Depression in der Kernfamilie zu besprechen sind, die besonders Taddel als Jüngstem zu schaffen machten, bleiben Proteste nicht aus: „‚Lass uns da raus!‘“ riefen sie. „‚Aber‘, hat er gesagt, ‚eure Geschichten sind auch meine, die lustigen wie die traurigen. Kuddelmuddel gehört zum Leben.‘“ (S. 94)
„Wünschdirwas“ lautet der Titel des fünften Kapitels, in dem Grass, einer ihn betreffenden Aussprache zwischen Veronika Schröter und Anna Grass als Koch des Fischgerichts teils beiwohnend, laut geworden sein soll mit Äußerungen wie „Mich kriegt ihr nicht auf die Couch!“ und „An meinem Mutterkomplex verdiene nur ich!“ (S. 106) Schließlich schafft sich Grass in der zerrütteten Ehe seinen eigenen Wohn- und Arbeitstrakt in der Niedstraße 13, der Freundinnen von Tochter Lara spotten lässt: „Ist ja brutal! Wie die Berliner Mauer, mitten durchs Haus durch. Fehlt bloß noch der Stacheldraht.“ (S. 110)
Im sechsten Kapitel („Unter rückläufiger Sicht“) werden unter anderem Eindrücke wiedergegeben, die Ute Grass‘ Söhne bei der Begegnung mit Grass bekamen: „Für mich sah er echt wien alter Mann aus, auch wenn er noch keine fünfzig war. […] Sah wien Walroß aus mit seinem Schnauz.“ Wenn der jüngere Bruder Paul, nachts aufgewacht, wie gewohnt ins Bett der Mutter kriechen wollte, lag da nun immer öfter „der Alte, das Walroß“, berichtet Jasper. (S. 122 f.)
Die jüngste Tochter, Nana, kommt im siebten Kapitel („Schnappschüsse“) zu Wort. Sie ist praktisch als Einzelkind aufgewachsen, hat erst, als sie gut sieben Jahre alt war, durch den Vater von ihren Halbgeschwistern erfahren und nach und nach Kontakt zu ihnen bekommen. Ihre Eltern kamen nur gelegentlich zusammen und fachsimpelten dann über die Literaturszene. Mit vierzehn oder fünfzehn Jahren war der Vater mit ihr rudernd und erzählend auf dem See im Großen Tiergarten unterwegs – eine Ruderpartie, die in Ein weites Feld abgewandelt aufbereitet wurde, ebenso wie der Besuch von Vater und Tochter nach dem Mauerfall im Spreepark Berlin mit Kettenkarussel- und Achterbahnfahrten. (S. 148 f. und 151 f.)
In Kapitel acht („Krummes Ding“) gerät das Vater-Kinder-Erinnerungsunternehmen anfangs erneut in die Krise, als dem Vater Manipulation vorgehalten wird: „Er denkt sich uns einfach aus!“ Boykott wird erwogen, aber verworfen, als einer der Zwillinge den anderen bremst: „Lass doch den Alten…“ (S. 170) Nochmals werden dessen dicke Bücher Gesprächsgegenstand, als es um die für ihn im Käfig unterm Weihnachtsbaum platzierte Ratte geht. (S. 172) Irgendwas halte er immer versteckt. Niemand wisse, was immerzu in ihm ticke. Seine Lesart: „Wer sucht, findet mich in kurzen und langen Sätzen versteckt…“ Es könne schon sein, „daß in jedem Buch von ihm etwas Egomäßiges rauszufinden ist…“ (S. 183)
Das neunte Kapitel („Vom Himmel hoch“) bietet unterschiedliche Versionen vom irdischen Ende der Maria Rama. In der prosaischen ist sie am Ende ausgezehrt und recht einsam wegen Nierenversagens im Krankenhaus verstorben. Die andere sieht sie mitsamt ihrer Fotobox bei Sturmstärke zehn bis zwölf am Elbdeich in die Böen entschweben: „Federleicht wie sie war.“ Die Geschwister nehmen dem unter ihnen, der Maria in ihrem Fotolabor assistieren durfte und nun selbst Fotograf ist, diese Geschichte nicht ab, die Paul aber ungerührt fortspinnt. Mariechens Schuhe samt Socken seien auf dem Deich verblieben, die Agfabox wieder auf die Erde heruntergefallen, sodass er den Film mit den von oben geknipsten Bildern in der Dunkelkammer habe entwickeln können. Sie hätten die Zukunft gezeigt: Alles unter Wasser. – Als schließlich in der Rückblende alles gesagt ist, rufen die Töchter und Söhne: „Das sind nur Märchen, Märchen…“ Stimmt, bestätigt der Vater, „doch sind es eure, die ich euch erzählen ließ.“ (S. 203–211)
Rezeption
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Es sei kaum zu überlesen, so Dieter Stolz, das auch „in dieser dialogischen Erzählung trotz des pseudodokumentarischen Aufwands durch Technikmikrofon und Fotoalben die Selbstdarstellung des Autors als Vater, Künstler und Zeitgenosse im Mittelpunkt“ stehe. Dessen „Hang zu Männerphantasien und Frauengeschichten“ präge entsprechend das familiäre Geschehen. Durch ihn komme auch die professionelle Fotografin und ihre „Wünschdirwasbox“ ins Spiel, mit der sie fotografiere, „was der ständig recherchierende Schriftsteller gerade braucht, erahnt, verdrängt oder sich ersehnt.“[5]
Der häufige Wechsel der Erzählperspektive dient laut Günther Rüther nur oberflächlich dem Zweck, mehr Licht ins „Kuddelmuddel“ der Familie und in das Leben des Autors zu bringen. Der hätte, statt zu tricksen, „alles genauso gut aus seiner selektiven Perspektive darlegen können. Denn am Ende behielt er sich das letzte Wort vor.“[6]
Das Motiv des Fotografierens „zur Illustration seines epischen Konzepts“ habe Grass von der Blechtrommel bis zu Ein weites Feld immer wieder genutzt, so Volker Neuhaus. Dafür sei Die Box eine unerschöpfliche Fundgrube. Während der Arbeit daran seien Federzeichnungen und Lithografien mit einer unentwegt knipsenden, stilisierten Maria Rama als Illustrationen für das Buch entstanden.[7]
Eine launig erzählte Hommage an seine große Kinder- und Kindeskinderschar sieht Harro Zimmermann in Die Box. Es handle sich um ein freundliches und selbstkritisches Familientribunal, um „eine fiktiv-dialogische Anspielung auf das nicht unproblematische Zusammenleben von Väterchen mit seinem aufmüpfigen Nachwuchs.“ Auf Milde habe er nicht unbedingt hoffen dürfen, der „immer abwesende Hausherr“, der mit seinen Sprösslingen kaum gespielt und ihnen selten zugehört habe – „manisch in Schreibzwänge und Phantasiewelten versponnen“, dazu mit seinem Auftreten ständig öffentliches Streitthema.[8]
Ausgaben
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Günter Grass: Die Box. Dunkelkammergeschichten. Roman. Steidl, Göttingen 2008. ISBN 978-3-86521-771-4.
- Günter Grass: Die Box. Dunkelkammergeschichten. Roman. dtv Verlagsgesellschaft, München 2010. ISBN 978-3-423-13893-2.
Einzelnachweise und Anmerkungen
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- ↑ Zitiert nach Volker Neuhaus: Günter Grass. Metzler, Stuttgart 1979, 3., aktualisierte und erweiterte Auflage 2010, S. 420.
- ↑ Sämtliche Seitenangaben beziehen sich auf die dtv-Ausgabe von Die Box. Dunkelkammergeschichten, München 2010.
- ↑ Rüther 2022, S. 321 f.
- ↑ Dieter Stolz: Günter Grass, der Schriftsteller. Eine Einführung., 3. aktualisierte und erweiterte Neuausgabe, dtv, München 2023, S. 348.
- ↑ Dieter Stolz: Günter Grass, der Schriftsteller. Eine Einführung. 3. aktualisierte und erweiterte Neuausgabe, dtv, München 2023, S. 351.
- ↑ Günther Rüther: Günter Grass. Ein politischer Märchenerzähler und Provokateur, Marix, Wiesbaden 2022, S. 323.
- ↑ Volker Neuhaus: Günter Grass. Metzler, Stuttgart 1979, 3., aktualisierte und erweiterte Auflage 2010, S. 440.
- ↑ Harro Zimmermann: Günter Grass. Biographie. Osburg, Hamburg 2023, S. 813 f.