Dual-Coding-Theorie
Die von Allan Paivio aufgestellte Dual-Coding-Theorie besteht in der Annahme, dass Wörter und Sätze zweifach im Gedächtnis gespeichert werden, und zwar sowohl in bildlicher Verschlüsselung (imaginativ bzw. ikonisch) als auch verbal, d. h. als Wort oder Wörter (verbal-auditiv oder konzeptuell, begrifflich, als «Idee»). Das Ergebnis ist eine multiple Repräsentation im Gedächtnis.
Ausgangspunkt ist der bereits 1884 von E. A. Kirkpatrick empirisch belegte Bildüberlegenheitseffekt[1]: Er hatte die Merkleistung bei verschiedenen Schüler- und Studentengruppen hinsichtlich von 10 Wörtern versus der von 10 Bildern verglichen. Bei unmittelbarer Wiedergabe war die Erinnerungsleistung bei Bildern nur geringfügig besser als bei der von Wörtern, drei Tage später konnten in der Bildbedingung im Schnitt noch 6,29 Bilder, aber nur mehr 0,91 Wörter genannt werden. Von Gordon H. Bower (und vielen anderen) wurde die Überlegenheit bildlicher Kodierung ebenfalls nachgewiesen:[2] In einem dieser Experimente zum Paar-Assoziations-Lernen wurden den Probanden fünf Listen mit jeweils 20 Paaren konkreter Wörter gegeben (z. B. Hund – Fahrrad); die Experimentalgruppe war angewiesen, sich diese Wörter in einer bildhaften Szene und mit interaktiver Verbindung vorzustellen. Der Kontrollgruppe wurde keine spezielle Anweisung gegeben. Die Ergebnisse zeigen bei einem „Cued-recall-Test“ sowohl unmittelbar wie auch verzögert einen deutlichen Bildüberlegenheitseffekt.

Nach der Dual-Coding-Theorie gibt es zwei getrennte, aber miteinander verbundene Systeme im Gehirn, die für die Verarbeitung von visuellen und verbalen Informationen zuständig sind. Auf der untersten repräsentationalen Ebene löst nichtverbale Information Vorstellungsbilder (Imagene) aus und verbale Information eine verbale Repräsentation (Logogene). Auf dieser Ebene arbeiten beide Systeme unabhängig voneinander. Auf der nächsten, der referentiellen Ebene wird das eine System durch das jeweils andere aktiviert: Ein Wort kann ein Vorstellungsbild auslösen, ein Bild kann verbal bezeichnet werden. Durch „referentielles Enkodieren“ werden dabei Worte in visuelle Bilder des Bezeichneten und umgekehrt Bilder in Worte umgewandelt. Dabei wird keine Eins-zu-Eins-Relation zwischen beiden Systemen angenommen. Ein Wort kann verschiedene Vorstellungsbilder auslösen, ebenso kann bereits die Vorgabe verschiedener sprachlicher Bezeichnungen die Verarbeitung von Wahrnehmungsereignissen beeinflussen. Auf der dritten, der assoziativen Ebene werden innerhalb jedes Systems Verbindungen zu anderen Einheiten hergestellt (z. B. Wortassoziationen, Bildassoziationen). Das imaginale System ist inhärent gedächtniswirksamer als das verbale, weil Bilder spontan dual kodiert werden, Wörter hingegen eher dann, wenn sie sich auf Konkretes beziehen. Aber auch hier kann willentlich eine duale Enkodierung versucht werden. D.h. je höher die Konkretheit einer Information ist, desto besser wird diese Information behalten.
Diese Theorie weist weitgehende Parallelen zum Mehrspeichersystem des Gedächtnisses auf, wobei die erste Verarbeitungsebene den modalaritätsspezifischen sensorischen Registern entspricht, die zweite Verarbeitungsebene dem Kurzzeitgedächtnis bzw. dem Arbeitsgedächtnis und die dritte Verarbeitungsebene dem Langzeitgedächtnis.
Die duale Kodierungstheorie wird von Befunden zur Lateralisation des Gehirns unterstützt. Diese belegen, dass in der rechten Gehirnhälfte die bildlichen Reize (auch Schallinformationen) und in der linken Gehirnhälfte die sprachlichen Reize (symbolische Zeichen, Sprache, Schrift und Zahlen) verarbeitet werden.[3]
Anwendungen
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Diese Theorie findet zahlreiche Anwendungen in der Pädagogischen Psychologie[4], z. B. bei Mnemotechniken, bei der Entwicklung von Mindmaps, dem Problemlösen oder dem Konzept- und Sprachlernen. Die duale Kodierungstheorie erklärt auch die Bedeutung der räumlichen Fähigkeiten in den Intelligenztheorien.[5] Sie ist zudem ein zentraler Bestandteil der Kognitiven Theorie des multimedialen Lernens, die dem Instruktionsdesign von Richard E. Mayer zur Verknüpfung der Text- und Bildpräsentation von Lerninhalten zugrunde liegt.
Kritik
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Kritiker an der Dual-Codierungstheorie argumentieren, dass keine zwei Repräsentationssysteme erforderlich seien, da sowohl verbale als auch nonverbale Reize im Arbeitsgedächtnis verarbeitet werden, dabei in semantische Elemente oder Propositionen umgewandelt und als solche im Langzeitgedächtnis gespeichert würden. Diese Annahme wird mitunter auch als „Single-Codierungstheorie“ bezeichnet.[6] Andererseits wurden auch modalitätsunabhängige Kodierungsannahmen („amodale Theorie der propositionalen Repräsentationen“) vorgelegt, wie sie im Zusammenhang mit mentalen Modellen oder auch im Rahmen von multimodalen Gedächtnistheorien diskutiert werden.[7]
Weblinks
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Dual-Coding-Ansatz auf Dorsch-Hogrefe, abgerufen am 27. Dezember 2025.
- Dual Coding Theory: Enhancing Memory and Understanding, auf Masterplan, abgerufen am 28. Dezember 2025.
Literatur
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Gordon H. Bower; Ernest Hilgard: Theories of Learning. Prentice-Hall, Saddle River 1975, ISBN 978-0-13-914457-8.
- Allan Paivio: Imagery and Verbal Processes. Psychology Press, New York 2013, ISBN 978-1-317-75781-8.
- Allan Paivio: Mind and Its Evolution: A Dual Coding Theoretical Approach. Routledge, Abingdon-on-Thames 2006, ISBN 978-0-8058-5260-8.
- Joachim Hoffmann; Johannes Engelkamp: Lern- und Gedächtnispsychologie. Springer, Berlin 2016, ISBN 978-3-662-49067-9.
Einzelnachweise
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- ↑ E. A. Kirkpatrick: An experimental study of memory. In: Psychological Review, 1894, 1, S. 602–609.
- ↑ Gordon H. Bower: Mental imagery and associative learning. In L. W. Gregg (Hrsg.): Cognition in learning and memory (S. 51-88). Wiley, New York 1972.
- ↑ Martina Rüter: Dual Code Theorie versus Hemisphären-Theorie, abgerufen am 27. Dezember 2025.
- ↑ Jim Clark; Allan Paivio: Dual Coding Theory and Education. In: Educational Psychology Review, 1991, 3 (3), S. 149–210.
- ↑ Allan Paivio: Intelligence, dual coding theory, and the brain. In: Intelligence, 2014, 47, S. 141–158.
- ↑ Lindsay Hewson: Animating the mind: an analysis of animation as a representational mode for learning. University of Wollongong, 2009. Thesis.
- ↑ Duale Kodierung, abgerufen am 28. Dezember 2025.